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Unser Leseverhalten im Netz

Von F-Mustern, Scannen, Lesen und Skimmen

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Lesen im Internet mit Tablet

In unserer Gesellschaft ist Zeit ein kostbares Gut. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass wir uns eine Internetseite nicht von vorne bis hinten komplett anschauen. Wir betrachten lediglich bestimmte Bereiche, um einschätzen zu können, ob die Seite für unser Zielvorhaben wichtig ist. Doch welche Bereiche sind das? Wie lesen wir im Netz? In diesem Artikel findest du es heraus.

 

Wie lesen wir im Netz? - Lesetechniken und Aufmerksamkeit

Sebastian Erlhofer und Dorothea Brenner stellen in ihrem Praxisbuch zum Thema Website-Konzeption die schwebende und die fokussierende Aufmerksamkeit beim Lesen von Internetseiten gegenüber. Das heißt, wir checken die Internetseiten erst ab, scannen sie oberflächlich (schwebende Aufmerksamkeit), um sie anschließend eventuell ausführlich zu lesen (fokussierende Aufmerksamkeit). Darüber hinaus hat sich im Laufe der Zeit laut Erlhofer und Brenner eine Mischform etabliert: das Skimmen. Beim Skimmen fokussieren wir uns auf die wichtigsten Informationen in Überschriften, Satzanfängen, Infoboxen und Listen sowie Tabellen. Darüber hinaus schauen wir uns gefettete Begriffe im Schnelldurchlauf an.

 

Das F-Pattern - Das bekannteste Lesemuster

In der Forschung wurde bereits vor über 10 Jahren herausgefunden, dass der Großteil der Menschen Webseiten im sogenannten F-Muster (engl. F-Pattern) scannt. Diese These stammt von der NNGroup um den UX-Experten Jakob Nielsen. Im Rahmen einer Eye-Tracking-Visualisierung im Jahr 2006 wurde von dieser bewiesen, dass User vor allem die ersten Zeilen eines Textes lesen (erste horizontale Bewegung). In den nächsten Zeilen werden allerdings nur noch ein paar Wörter auf der linken Seite betrachtet (zweite horizontale Bewegung). Anschließend wird der restliche Inhalt auf der linken Seite nach unten gescannt (vertikale Bewegung). Diese Augenbewegungen ergeben letzten Endes ein grobes F. 

Die höchste Aufmerksamkeit ist auf der linken Hälfte

In der oben genannten Untersuchung wurde allerdings auch herausgefunden, dass Menschen eine Webseite in einer E- oder L-Form lesen. Darüber hinaus scheinen sich auch in Fachliteraturen die Experten nicht einig zu sein. Da gibt es zum Beispiel noch das sogenannte Gutenberg-Diagramm oder das eng verwandte Z-Muster. Doch egal wie viele Lesemuster es gibt und wie diese sich zum Teil auch widersprechen, in einem Punkt scheinen sich alle einig: Oben links liegt die höchste Aufmerksamkeit. Bei der Mehrheit der Muster liegt die Aufmerksamkeit sogar komplett auf der linken Hälfte der Webseite. Eine Studie der NNGroup konnte dies auch unterstreichen: 69 % der User verbringen den Großteil ihrer Besuchszeit auf der linken Hälfte der Seite.

 

Infografik über Leseverhalten im Internet

Warum lesen wir in F-Mustern?

Wir lesen in F-Mustern aus einem ganz einfachen Grund: Wir wollen Zeit sparen und unser Zielvorhaben mit einem Minimum an Zeit und dem kleinstmöglichen Aufwand erreichen. Darüber hinaus fand die NNGroup heraus, dass es 3 Elemente sind, die das Lesen im F-Muster zusätzlich unterstützen:

  1. Eine Seite beinhaltet Text, der nicht formatiert ist für das Internet (sogenannte Textwüsten)
  2. Der User will so effizient wie möglich vorgehen.
  3. Der User ist an dem jeweiligen Thema nicht so sehr interessiert, dass er bereit ist, den ganzen Text zu lesen.

 

Wurde uns das Lesen in F-Form antrainiert?

User wollen auf einer Webseite keine wissenschaftliche Abhandlung lesen, sondern schnell die gewünschten Informationen finden. Solange Designern und Textern diese Tatsache nicht bewusst ist, werden User immer ihren eigenen Weg finden, eine Webseite schnell und „oberflächlich“ zu erfassen. Ohne Anwesenheit von klaren Signalen wie Zwischenüberschriften oder Bulletpoints, entscheiden sich Nutzer in der Regel für den Weg mit dem geringsten Aufwand: das Lesen in F-Mustern oder schlimmer noch, das Verlassen der Webseite.


Hinzu kommt, dass uns mit den Jahren „antrainiert“ wurde, zu Beginn den wichtigsten Content zu finden. Dieser Aufbau resultiert jedoch gerade aus dem untersuchten F-Muster aus dem Jahr 2006. Ein klassischer Teufelskreis: Wir lesen Internettexte im F-Muster, weil sie inhaltlich für uns so aufbereitet wurden und wir bereiten Internettexte in der F-Form auf, weil die Mehrheit der Menschen in der F-Form liest. Wenn einem da mal nicht schwindlig wird. 

Warum das F-Muster immer noch relevant ist

Die Eye-Tracking-Studie, die das F-Muster bewiesen hat, stammt bereits aus dem Jahr 2006. Ist das F-Muster dann überhaupt noch zeitgemäß? Man würde meinen, in über 13 Jahren hat sich eine Menge verändert. Doch eine Eye-Tracking-Untersuchung der NNGroup aus 2017 hat gezeigt: Das F-Muster ist immer noch am Leben, sowohl mobil als auch auf dem Desktop.


Allerdings birgt das bekannte Lesemuster auch einige „Gefahren“. Wenn User eine Webseite in F-Form scannen, entgeht ihnen möglicherweise wichtiger Content. Von daher ist es besonders wichtig, lesenswerte Inhalte auf die linke Hälfte zu platzieren. Darüber hinaus stellt die NNGroup die These auf, dass gut formatierte Texte, das F-Lesemuster reduzieren/ aufbrechen würden. Doch wie formatiert man einen Text „gut“ für das Internet?

 

Wie bereiten wir Internettexte nutzerfreundlich auf?

Es ist wichtig, dass wir die Aufmerksamkeit der User lenken, anstatt ihr inneres Scanprogramm zu aktivieren. Wir müssen die Dinge priorisieren und formatieren. Auf diese Weise sehen Nutzer genau das, was wir ihnen unbedingt zeigen wollen. Dieses Ziel erreicht man unter anderem mit diesen „Tricks“:

  • Die wichtigsten Informationen gehören in die ersten Abschnitte
  • Spiele mit Haupt- und Zwischenüberschriften
  • Verwende in Haupt- und Zwischenüberschriften wichtige Wörter
  • Verwende Bulletpoints und Listen
  • Färbe wichtige Wörter ein
  • Setze Verlinkungen nur auf informative Wörter (d.h. nicht auf „hier“, „jetzt hier klicken“ oder „mehr“)
  • Streiche unwichtige Inhalte

Meine bisherige Erfahrung

Dass Textwüsten oder sogenannte Textwände negativ für deine Webseite sind, habe ich relativ schnell gelernt. Dementsprechend habe ich schon oft die oben genannten Tipps in meiner bisherigen Karriere angewandt. Allerdings war mir die Ursache dahinter (z.B. das F-Muster) nicht direkt bewusst. Ich habe vor allem zu Beginn meiner Texterkarriere intuitiv gehandelt. Im Rahmen meiner Internetrecherchen fand ich Webseiten mit wenig sprechenden Überschriften und zu langen Abschnitten schlicht und ergreifend nervig. Nicht selten habe ich diese dann sogar wieder verlassen. Dieses Erlebnis wollte ich meinen Lesern ersparen, sodass ich meine Texte nach nur kurzer Zeit „grafischer“ strukturierte.

 

Fazit

Unser Leseverhalten im Internet ist anders als in Büchern. Wir scannen, skimmen und überspringen Content im F-Muster. Das tun wir vor allem, um Zeit und Nerven zu sparen. Wer das nicht bei der Gestaltung seines Contents berücksichtigt, hat bereits verloren. User haben heutzutage nicht mehr die Geduld sich durch lange Textwüsten zu kämpfen und aufgrund nichtssagender Headlines eine Art Lottospiel zu betreiben. Wir lesen Texte oder Textabschnitte nicht mehr komplett durch, wenn wir uns nicht sicher sind, was uns im Groben erwartet. Beim Texten fürs Netz ist daher mehr oder weniger „spoilern“ angesagt, um dem Nutzer Zeit und Aufwand zu ersparen und damit ein besseres Nutzererlebnis zu schaffen.

 

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