· 

Redesign oder Relaunch richtig angehen

Alles auf einmal umkrempeln oder eine schrittweise Veränderung?

Lesezeit: ca. 5-10 Minuten =
  

Radikaler Relaunch/ Redesign auf Knopfdruck

Stell dir vor, der Relaunch oder das Redesign deiner Website steht kurz bevor. In das Projekt ist viel Arbeit geflossen und alle daran Beteiligten sind von dem Endergebnis überzeugt. Doch nach der Live-Schaltung hagelt es plötzlich zahlreiche Kritik-Mails. Die Nutzer sind unzufrieden mit der neuen Optik, finden gewohnte Dinge nicht mehr und auch die neuen Texte wollen nicht so recht gefallen. Die anfängliche Begeisterung wandelt sich schnell in Frustration um und es kommen unweigerlich die Fragen auf: War der Relaunch wirklich so eine gute Idee? Hätte es auch ein einfaches Facelift oder eine schrittweise Veränderung getan? – Diesen Fragen gehe ich im Folgenden ausführlicher auf den Grund.

 

Was sind überhaupt ein Redesign und ein Relaunch?

Ein Redesign ist eine Überarbeitung des Website-Frontends oder einzelner Seitenbereiche. Bei einem Redesign werden dementsprechend lediglich Frontend-Funktionalitäten, einzelne Inhalte, Usability-Elemente oder Design-Aspekte überarbeitet, während die dahinterliegende Technik gleichbleibt.


Anders sieht es bei einem Relaunch aus. Dieser kann als eine Art Neustart einer Seite betrachtet werden und beinhaltet sowohl eine optische als auch eine technische Überarbeitung. In der Regel hat ein Besucher nach einem Website-Relaunch eine völlig neue Seite vor sich.

 

Das Warum eines Redesigns/ Relaunchs muss stimmen

„Wir wollen eine neue Website, weil die alte langweilig ist. Wir haben außerdem schon lange keinen Relaunch mehr gemacht“ – Diese vermeintlich stichhaltigen Gründe führen Website-Betreiber laut Jens Jacobsen, Jakob Nielsen sowie Hoa Loranger zum Teil auf, wenn es um das Redesign oder den Relaunch ihrer Seite geht. Dabei sind dies die denkbar schlechtesten Antworten, die für einen Website-Neustart sprechen.


Man sollte die Probleme, Aufwände und Gefahren eines Relaunchs nicht ohne triften Grund in Kauf nehmen. Das heißt, es muss sichergestellt werden, dass das Relaunch-Projekt auf Nutzerdaten basiert und damit klare Ziele verfolgt. Panik oder Langweile hingegen sind für einen Website-Relaunch ein schlechter Berater. Es ist ratsam, vor dem Relaunch-Projekt ein Kundenfeedback einzuholen und/ oder Nutzerzahlen zu analysieren. Auf diese Weise werden die Probleme der Seite konkret erfasst, bei der Wurzel angepackt und im angemessenen Rahmen gelöst.

 

Ist ein Redesign/ Relaunch gut für den User?

Die Frage, ob ein Redesign/ Relaunch wirklich gut für den Nutzer ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Am besten zieht man diverse Kennzahlen zum Nutzerverhalten zurate, zum Beispiel die Besuchszeit, Conversionrate oder Absprungrate. Darüber hinaus kann man auch eine Umfrage starten, Support-Anfragen durchforsten oder einen Usability-Test durchführen. An den Ergebnissen lässt sich schließlich genauer ablesen, ob ein Relaunch notwendig ist oder kleine Anpassungen genügen. Darüber hinaus gilt es zu bedenken:

 

   User mögen keine radikalen Veränderungen.  

 

Das oben beschriebene Vorgehen ist wichtig, da drastische Veränderung von Usern in der Regel als störend empfunden werden. Sie können die Nutzer erschrecken, was sich wiederum schädlich auf das Geschäft niederschlägt. Unter Umständen nehmen die User das alte Design noch nicht einmal als störend wahr, sondern vielmehr als sicher und vertraut. Eine weitgreifende Veränderung würde in diesem Fall eher das Vertrauen schwächen.


Die NNGroup empfiehlt daher in einem ihrer Artikel, eine schrittweise Veränderung anstatt eines kompletten Redesigns. Eine langsame Anpassung wird von den Nutzern tendenziell nämlich gar nicht als solche wahrgenommen und das Risiko für einen Besuchereinbruch sinkt. Es gibt sogar einen wissenschaftlichen Namen für dieses Phänomen: das Weber-Fechner-Gesetz.

 

Die eigene Voreingenommenheit stets vor Augen führen

Ein Website-Betreiber hat seine eigene Seite nicht selten Tag und Nacht vor Augen. Objektiv zu bleiben, fällt da schwer. In der Regel ist man bei der eigenen Website voreingenommen und die Wahrnehmung wird verzerrt. Diese Tatsache sollte man sich stets bewusstmachen, um Ad-hoc-Entscheidungen aus einer Laune heraus zu umgehen. Anstelle einer subjektiven Ansicht zählen stattdessen Daten und Zahlen. In diesem Sinne möchte ich ein kleines Rechenbeispiel aus einem Artikel der NNGroup anbringen:

 


Angenommen ein Besucher verbringt täglich ca. 2 Minuten (durchschnittliche Besuchszeit pro User) auf einer Seite. Dann wären das pro Jahr ca. 12 Stunden Besuchszeit.



 

Die Wahrscheinlichkeit, dass der User innerhalb dieser 12 Stunden der entsprechenden Website überdrüssig wird, ist doch sehr gering. Darüber hinaus beruht die obige Rechnung auf der Annahme eines täglichen Websitebesuchs! Laut der NNGroup verbringen User jedoch nicht mehr als 5 Stunden im Jahr auf der gleichen Website.

 

Wann sind ein radikales Redesign oder ein harter Relaunch dennoch sinnvoll?

Eine komplette Generalüberholung einer Website sollte, wie bereits geschrieben, gut überlegt sein. Es lohnt sich nur in bestimmten Fällen, die gesamte Website neu zu gestalten und möglicherweise einen Besuchereinbruch zu riskieren. Dazu zählen unter anderem

 

  • Eine veraltete Technologie
  • Eine chaotische Informationsarchitektur
  • Eine extrem niedrige Conversionrate
  • Eine schrittweise Veränderung hat keinen Erfolg gezeigt
  • Ein hoher Rückstand zur Konkurrenz

Redesign/ Relaunch richtig kommunizieren

Ausgewählte UX-Experten wie Benedikt Salzbrunn von der FH Technikum Wien behaupten, dass nicht zwangsläufig der Relaunch an sich ein Problem darstellt, sondern die Art und Weise wie er durchgeführt wird.


Es kann zum Beispiel von Vorteil sein, wenn man den Usern aufzeigt, warum die Veränderungen vorgenommen wurden, warum sie vorteilhaft sind und welcher Gedanke dahintersteckt. Auf diese Weise fühlen sich die Nutzer wertgeschätzt und haben mehr Verständnis für das neue Konzept. Darüber hinaus führt man sich selbst seine eigene Arbeit vor Augen und manche Features oder Ideen erweisen sich im Zuge dessen als haltlos. Wie soll man schließlich Verständnis und Akzeptanz vom Nutzer erwarten, wenn man selbst das eigene Konzept nicht logisch begründen kann?


Eine weitere Möglichkeit ist es, den Usern die Wahl zu überlassen, ob sie das neue Design nutzen möchten oder nicht. Damit behalten die Nutzer die Kontrolle und können zu einem selbst gewählten Zeitpunkt die neuen Features und Konzepte kennenlernen.

 

Meine Erfahrung

Ich selbst habe bisher einen Relaunch inklusive neuer Corporate Identity mitgemacht und was soll ich sagen: Es war vieles nicht durchdacht und ein wenig chaotisch. Ein überzeugendes Warum für den Neustart gab es nicht, außer vielleicht.: „Die Website gefällt uns nicht“ oder „Der Vorstand will es so“. Rückblickend hätten die Nutzerzahlen vielleicht auch für einen Relaunch gesprochen. Unter Umständen hätten aber auch eine Umstrukturierung des Contents oder eine andere Kundenansprache ausgereicht. In diesem Fall wären uns Mitarbeitern eine Menge Zeit und Arbeit erspart geblieben. Und auch die Firma selbst hätte Kosten gespart, da für das neue Websitedesign und die neue Corporate Identity externe Agenturen beauftragt wurden. Aber zur Analyse der Nutzerzahlen kam es vor der eigentlichen Entscheidung wie gesagt gar nicht. Naja, hinterher ist man immer schlauer.


Letzten Endes muss man sagen, dass der Relaunch und die plötzliche Veränderung, den Usern eher wenig ausgemacht zu haben scheinen, zumindest, wenn man nach den Besucherzahlen und der Besuchszeit geht. Man muss jedoch betonen, dass letztere vor der Live-Schaltung der neuen Website nicht so gut aufgestellt waren. Man hatte demnach nicht allzu viel zu verlieren. 

 

Fazit

Ein Redesign oder Relaunch ist für alle Beteiligten eine große Sache, egal ob User, Designer oder Stakeholder. Aus den richtigen Gründen durchgeführt, kann er eine Menge Positives bewirken und langfristig für ein besseres Nutzererlebnis sorgen. Mit den falschen Gründen allerdings, fangen die Probleme erst an und führen zusammen mit einer radikalen Veränderung womöglich zu einem Besuchereinbruch. Man sollte daher immer zuerst das Warum eines Relaunchs/Redesigns ergründen und erst im Anschluss nach dem ob beziehungsweise dem wie fragen.

 

Hat dir der Artikel gefallen? Dann teile ihn doch mit deinen Freunden auf Facebook, Twitter & Co.: