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Grafisches Schreiben

Wie bereiten wir Texte nutzerfreundlich auf?

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Webtexte und grafisches Schreiben richtig planen

Schreiben für das Internet ist kein Hexenwerk und dennoch kann dabei eine Menge schiefgehen. Neben der Wortwahl, dem Schreibstil und der Grammatik stehen vor allem die Struktur und die Textgestaltung auf dem Prüfstand, welche falsch angewendet zu einer höheren Absprungrate führen. Doch wie gestaltet man einen Webtext "gut"? Wie bereitest du Webtexte nutzerfreundlich auf? Lese jetzt weiter und lerne mehr über das grafische Schreiben und deren Wirkung beim User.

 

Was bedeutet „grafisches Schreiben“?

Grafisches Schreiben ist mehr oder weniger das optische Aufbereiten von Textinhalten. Texte sollen zusätzlich zu ihrer inhaltlichen Qualität auch eine optische Qualität erhalten, sodass der Nutzer in jeder Hinsicht zufrieden mit seinem Internetbesuch ist. Ziel des grafischen Schreibens ist es, dass der User auf einen Blick beziehungsweise beim ersten Scan der Website die wichtigsten Informationen erfassen kann.

 

Unser Leseverhalten im Netz zwingt uns zum Spoilern

Wir lesen keine Webseiten, wir überfliegen sie. Wir scannen, skimmen und rauschen über den Content, um so schnell wie möglich die wichtigsten Informationen zu erfassen. In der Regel entscheiden User bereits nach 10-20 Sekunden, ob sie eine Webseite interessant finden oder nicht. In einem anderen Artikel habe ich mich bereits ausführlicher mit unserem Leseverhalten im Internet auseinandergesetzt.


Gerade dieses oberflächliche Leseverhalten zwingt uns dazu, Inhalte optisch besser aufzubereiten und Texte „scannable“ zu machen. Das heißt, wichtige Schlagwörter sollten auf den ersten Blick erkennbar sein und den Inhalt des Textes offenlegen. Miriam Löffler schreibt in ihrem Buch „Think Content!“: „Einen guten Webtext könnte man polemisch als Spannungsbremse bezeichnen“. Auch der UX-Experte Jakob Nielsen konnte diese Tatsache in verschiedenen Studien nachweisen und fordert: „Text should be scannable“. Hinzu kommt, dass wir im Internet ca. 25 % langsamer lesen aufgrund der Lichtimpulse, die vom Bildschirm ausgehen. Diese beanspruchen unsere Augen stärker und wir sind gezwungen, uns stärker zu konzentrieren. Von daher ist es, wie Steve Krug sagen würde, eine „Frage der Höflichkeit“, dass wir unsere Texte nutzerfreundlich aufbereiten und unseren Lesern ein bisschen Konzentration ersparen.

 

Content als umgekehrte Pyramide planen

Umgekehrte Texterpyramide - Inverted pyramid
Gemäß der umgekehrten Texterpyramide gehören essenzielle Fakten an den Anfang.

Bevor ich zu den wichtigsten Regeln des grafischen Schreibens komme, gehe ich kurz auf die inhaltliche Struktur des Textes ein. Diese sollte wie eine umgekehrte Pyramide geplant werden, sodass der User die wichtigsten Fakten und Benefits gleich am Anfang erfasst. Löffler vergleicht diese Methode in ihrem Buch mit dem Schreiben eines Krimis. User wollen sofort wissen, wer der Mörder ist, sodass wir beim Webtexten gleich mit der Auflösung des Falls beginnen müssen. Ein Text im Internet braucht keinen langen Spannungsbogen, sondern muss prägnant, informativ und auf den Punkt genau sein.

Die 9 wichtigsten Regeln des grafischen Schreibens

1. Wichtige Infos an den Anfang setzen

Da wir die Mehrheit der Websites im F-Muster scannen, ist es hilfreich, wichtige Informationen und Keywords an den Anfang eines Textes, Textabschnittes oder der Headline zu packen.

 

2. Mit Überschriften spielen

Headlines beziehungsweise Subheadlines lockern Webtexte auf und bremsen Scanner sowie Skimmer aus. Darüber hinaus lenken sie die Aufmerksamkeit des Users und machen neugierig auf den Fließtext.

 


3. Mit Teasern zum Lesen verführen

Ein guter Teaser verführt zum Lesen und sorgt für mehr Struktur sowie Übersichtlichkeit.

 

4. Aufzählungen einbauen

Texte lassen sich auch mit Aufzählungen in Form von Tabellen, Listen oder Bulletpoints auflockern. Darüber hinaus geben sie der Seite Struktur und reduzieren die Wortanzahl.

 


5. Wörter fetten oder kursiv/ farbig gestalten

Um einen Webtext zu strukturieren und Orientierungspunkte zu bieten, kann man mit Hervorhebungen arbeiten. Allerdings ist diesbezüglich Vorsicht geboten. Wenn zu viele oder gar die falschen Wörter hervorgehoben werden, geht die Wirkung verloren und Unruhe entsteht.

 

6. Texte und Bilder müssen zusammenpassen

Bilder lockern einen Text visuell auf, sorgen für Abwechslung und sprechen den Nutzer emotional an. Doch Vorsicht, wenn diese nicht zum Inhalt passen, zerstören sie den Gesamteindruck der Webseite. Auch Jakob Nielsen fordert in einem seiner Artikel: „Graphics and text should complement another.“

 


7. Absätze zur Orientierung setzen

Absätze erleichtern den Informationsfluss und erhöhen die Lesbarkeit. Das ist schlicht und ergreifend dem Umstand geschuldet, dass das menschliche Auge Informationen viel leichter aufnimmt, sobald sie in Gruppen auftauchen. Als Orientierung gilt: Immer ein Gedanke pro Absatz. Darüber hinaus sollte jeder Absatz für sich selbst stehen, damit der User die Lektüre jederzeit abbrechen beziehungsweise beginnen kann.

 

8. Sprechende Links verwenden

Bei einem Link sollte man auf den ersten Blick erkennen können, wohin erführt. Das heißt, Wörter wie „hier“, „mehr“ oder „weitere Infos“ sind in der Regel eine schlechte Wahl für eine Verlinkung. Darüber hinaus sollten Links auch nicht zu lang sein oder zu oft im Text vorkommen. Letzteres sorgt für Unruhe und Ablenkung.

 


9. Zusammenfassung am Ende formulieren

Jakob Nielsen hat in einer seiner Untersuchungen zum Thema „Texten fürs Netz“ herausgefunden, dass User Zusammenfassungen mögen. Sie geben dem Text Struktur und verschaffen einen Überblick, sodass der Nutzer Zeit einspart.


Exkurs: Wie lang sollte ein Text sein?

Über die optimale Webtextlänge gibt es nur ungefähre Angaben. Jakob Nielsen selbst sagt, man solle sich kurzfassen und einen Text ca. 50 % kürzer gestalten als die Printausgabe. Im gleichen Atemzug betont er jedoch, dass es dem Internetnutzer nicht nur darum gehe schnell zu lesen, sondern ebenso sich gut zu fühlen. Dementsprechend würde ich sagen, ist die Textlänge abhängig von dem jeweiligen Format. Bei einem Blogartikel erwartet der User vermutlich mehr Informationen als bei einem Startseitentext und ist bei nur 200 Wörtern womöglich enttäuscht.


Auch Jens Jacobsen betont auf seiner Website benutzerfreun.de, dass ein Text nicht immer kurz sein muss. Man sollte sich in diesem Zusammenhang die Frage stellen: Wann interessieren sich die Nutzer wirklich für den Text? Solange sich Inhalte am Nutzer orientieren und deren Probleme lösen, sind lange Texte durchaus sinnvoll. Das t3n-Managazin betont außerdem, dass die Aufmerksamkeit der Leser nach ca. 7 Minuten abnehme und stellt dahingehend eine Formel auf. Bei einer durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit von 250 Wörtern pro Minute, läge die maximale Webtextlänge bei ca. 1750 Wörtern.

 

Meine Erfahrungen

Grafisches Schreiben ist mir erstmalig bei meiner Arbeit als Texterin in einer Online-Marketing-Agentur bewusstgeworden. Zwar hatte ich zuvor bereits einzelne Taktiken davon angewandt, aber wissentlich habe ich seit diesem Zeitpunkt damit gearbeitet. Seitdem kann ich nicht mehr aufhören, Texte in kurze Abschnitte mit Zwischenüberschriften einzuteilen und auch Aufzählungen kommen bei mir in fast jedem Text vor. Textblöcke, Textwüsten oder ganze Textwände hingegen empfinde ich als sehr anstrengend und auch mit Texten ohne jegliche Zwischenüberschriften tue ich mich schwer.


Da ich für meine Artikel viel recherchieren muss, skimme oder scanne auch ich mit Begeisterung. In diesem Zusammenhang bin ich Content-Managern und Textern sehr dankbar, wenn sie ihre Artikel grafisch aufbereiten, sodass man bereits beim ersten Überfliegen die wichtigsten Infos erfasst.

 

Fazit

Grafisches Schreiben ist ein Segen für unsere Augen, unsere Konzentration und unser Zeitkonto. Leider haben sich die Vorteile davon noch nicht überall herumgesprochen. Dennoch bin ich optimistisch, dass immer mehr Texte im Netz mit der Zeit grafisch aufbereitet werden, sodass wir überall und in nur wenigen Sekunden die gewünschten Informationen finden.

 

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