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UX-Writing

Warum UX-Texte keine Marketing-Texte sind

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UX-Writing in der User-Experience berücksichtigen

"UX-Writing? - Das ist doch nur ein neuer Modebegriff, der im Grunde genommen längst Bekanntes hipp verpackt." Das waren meine spontanen Gedanken, als ich zum ersten Mal das Wort UX-Texten oder UX-Writing hörte. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher, weshalb ich mir vorgenommen habe, das Thema in einem Artikel näher zu beleuchten. Was ich dabei herausgefunden und vor allem gelernt habe, kannst du im Folgenden genauer nachlesen.

 

Was bedeutet UX-Writing?

UX-Writing oder UX-Texten bedeutet im Groben und Ganzen "nutzerzentriertes Texten". Es geht darum, Inhalte nutzerfreundlich zu schreiben und zu gestalten, damit der User sich willkommen sowie wertgeschätzt fühlt. Darüber hinaus wird mittels UX-Writing die Nutzerführung/ Interaktion einer Website/ App verbessert beziehungsweise so leicht wie möglich gemacht. Dementsprechend ist ein UX-Writer vor allem für die Kommunikation zwischen System und Nutzer verantwortlich.

 


UX-Texte versus Marketing-Texte

UX-Texte sind keine gewöhnlichen Marketing-Texte, auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag. Beim UX-Writing steht nicht das Produkt oder die Dienstleistung im Vordergrund, sondern der User. Es geht nicht darum, ein Produkt zu bewerben, sondern dem User Unterstützung sowie Orientierung zu bieten. Der Gesamteindruck einer Website oder App zählt, weshalb beim UX-Writing nicht nur die Fließtexte, sondern auch die kleinen Texte, die sogenannten Microcopy berücksichtigt werden. Dank ihnen kann die User-Experience maßgeblich verbessert, die Nutzerführung vereinfacht und die Absprungrate verringert werden.

 

 

Infografik UX-Text versus Marketing-Text

Welche Elemente gibt es beim UX-Writing?

Wie bereits angedeutet gibt es im Bereich des UX-Writings mehr als nur die üblichen Fließtexte. In einer App oder Webanwendung gibt es so viele kleine Textschnipsel, die auch berücksichtigt werden wollen und die unüberlegt gewählt, für mehr Verwirrung anstatt Klarheit sorgen. Im Folgenden habe ich dir daher mal die wichtigsten Textelemente im UX-Writing zusammengefasst.

 

Microcopy

Microcopy sind die kleinen Textschnipsel einer Website oder App, die die Nutzererfahrung abrunden und eine reibungslose Nutzerführung gewährleisten. Zu Microcopy-Texten gehören unter anderem 404-Seiten, Formularfelder, Button- und Schaltflächen sowie allgemein Fehler- und Erfolgsmeldungen.

 

BotCopy

Botcopy sind die Texte, die die virtuellen Assistenten wie Siri, Alexa oder der Google-Assistant so von sich geben. Darüber hinaus fallen unter Botcopy auch die Texte, die in Chatbots aufploppen.

Short- & Longcopy

Short- und Longcopy sind die klassischen Webtexte wie Startseitentexte, Produktbeschreibungen oder Kategorietexte. Auch Teasertexte, Tutorioals oder FAQs fallen in den Bereich Short- sowie Longcopy.

 

 

Concept Copy

Unter Concept Copy sind die Texte zu verstehn, die den Kunden und seine Bedürfnisse beschreiben. Darunter fallen unter anderem Personas, Ist-Szenarien oder Storyboards.

 


8 Tipps für ein gelungenes UX-Writing

UX-Writing ist nicht so leicht wie es auf den ersten Blick erscheint. Nicht umsonst gibt es im Netz oder in Apps noch genug sprachliche Missverständnisse, die für eine negative User-Experience sorgen. Beim UX-Texten gilt es, sich in den User hineinzuversetzen und dessen Sprache zu sprechen. Darüberh hinaus sollte man einen nutzerfreundlichen Schreibstil pflegen und seine Texte grafisch aufbereiten. Weitere Punkte, die dir helfen deine User zu unterstützen, findest du im Folgenden.

 

1. Komm zum Punkt

Fasse dich kurz und schreibe nicht mehr als nötig. Unser Leseverhalten im Netz macht deutlich, dass wir Texte eher überfliegen und scannen, um die wichtigsten Infos schnell und einfach zu bekommen. Daher: Komm auf den Punkt und setze eher auf kurze Absätze (ca. 4-5 Zeilen). Diese sind leichter vom Auge zu erfassen und scannbarer. Als Leitsatz kannst du dir merken: Ein Text sollte nur so lang sein, dass der User seine Aufgabe effizient und zufriedenstellend erfüllen kann. 


2. Fühle dich in deine Nutzer ein

Dein UX-Text sollte sich, wie viele andere Texte auch, an der Zielgruppe und dem jeweiligen Kontext orientieren. Dafür ist es wichtig, dass du dich in deine User hineinversetzt, indem du zum Beispiel eine Nutzungskontextanalyse durchführst, Personas erstellst oder ein kleines Storyboard schreibst.

 


3. Benutzerfragen voraussehen und beantworten

Wenn du Schritt zwei berücksichtigt und dich in deine Nutzer hineinversetzt hast, dann weißt du auch welche Bedürfnisse (Needs und Pains) deine Nutzer haben. Überlege dir, welche Fragen dem User besonders unter den Nägeln brennen und beantworte diese bereits im Voraus. Auf diese Weise fühlt sich der User verstanden, wertgeschätzt und baut ein Stückchen mehr Vertrauen auf.

 


4. Sorge für Begeisterung

Motiviere, überzeuge, bestärke, beruhige und begeistere deine Nutzer, je nachdem, was er gerade braucht. Die User-Experience soll Spaß machen und leicht von der Hand gehen. Zugegeben, ich persönlich fand diesen Tipp auf den ersten Blick auch ziemlich schwammig.

 

Wie soll ich den Nutzer denn begeistern? Indem du ihm zum Beispiel aufzeigst, was er von dem Newsletter-Abonnement für Vorteile hat, du ihn für die nächsten Schritte motivierst oder bei erfolgreicher Anmeldung beglückwünschst. Auch eine beruhigende

Fehlermeldung sorgt für eine höhere User-Experience und macht die Nutzerführung leichter.


5. Schreibe einfach und verständlich

Ein verständlicher und simpler Sprachstil ist im UX-Writing das A und O. Kurze und einfache Sätze, eine eindeutige Wortwahl, kein Fachchinesisch, aktive Formulierungen und Ziffern statt Zahlwörter erhöhen die Scannbarkeit des Textes und machen ihn leichter zugänglich.

 

 

 


6. Schreibe für Menschen

Eigentlich im UX-Writing selbstverständlich und dennoch darf dieser Punkt in dieser Liste keinesfalls fehlen. Behalte beim UX-Texten stets im Hinterkopf, dass du für Menschen schreibst und eine Art Dialog mit dem User führst. Sehe ihn als einen guten Freund an, der deine volle Aufmerksamkeit verdient.

 


7. Schreibe klar und konsistent

Gute UX-Texte sind in der Regel selbsterklärend und lassen keinen Raum für Missverständnisse. Darüber hinaus gilt es, auf eine konsistente Wortwahl zu achten. Du versiehst einen Bestell-Button mit der Aufschrift "Kostenpflichtig bestellen"? Dann bleib auch dabei und beschrifte den nächsten Bestell-Button nicht mit "Kaufen" oder "Shoppen". Das verwirrt die User und sorgt für eine negative User-Experience. Merke: dieselbe Funktion = dieselbe Wortwahl.


8. Schreibe in der Sprache der User (Tonalität)

Überlege dir, wer deine Nutzer sind, wie sie ticken und dann verwende deren Sprache. Die richtige Tonalität ist entscheidend, damit sich der User angesprochen, wohl und sicher fühlt. Verwende zudem Begriffe, die dem User vertraut sind und halte eine klare Reihenfolge an Anweisungen sowie Erklärungen ein.


Was muss ein guter UX-Writer mitbringen?

Ein UX-Writer ist wie oben bereits erwähnt für die Kommunikation zwischen System und Nutzer verantwortlich. Seine Aufgabe ist es, eine gute Nutzererfahrung durch seine Texte zu bieten, damit der User selbst so leicht und verständlich wie möglich durch die Anwendung gleitet. Ein guter UX-Writer sorgt dafür, dass die User mit Hilfe der Texte von "ganz alleine" wissen was zu tun ist. Der Spagat zwischen Produkt- und Dienstleistungspräsentation sowie Nutzerbedürfnis ist nicht ganz so einfach und erfordert viel Feingefühl wie auch Empathie. Welche Eigenschaften ein guter UX-Writer genau mitbringen sollte, habe ich hier mal konkret zusammengetragen.

 

1. Empathie

Klar, die wichtigste Eigenschaft eines UX-Writers ist sicherlich, dass man sich in den Nutzer hineinfühlen kann. Man sollte einfach ein Gespür dafür haben, was der Nutzer an welcher Stelle braucht und wie man dieses Bedürfnis mit nur wenigen Worten erfüllt.

 

2. Verständnis für das Produkt/ Dienstleistung

Neben der Empathie ist selbstredend auch das Verständnis für die jeweilige Dienstleistung oder Anwendung wichtig. Wie soll man schließlich dem Nutzer ein Produkt einfach und effektiv erklären, wenn man selbst keine Ahnung davon hat.

 

3. Sicherer Umgang mit Sprache

Dass ein UX-Writer ein gutes Sprachgefühl mitbringen muss, wird wohl kaum überraschen. Ich denke, die Fähigkeit mit wenigen Worten den User zu begeistern ist eine Übungssache, aber ein allgemeines Schreibtalent und ein kreativer Schreibhintergrund ist für die Umschulung zum UX-Writer in jedem Fall hilfreich.

 

4. Teamfähigkeit

In einem effektiven UX- und Design-Prozess werden von Anfang an alle Parteien miteinbezogen. Das heißt Produktmanager, Designer, Entwickler, Researcher und Texter sitzen zusammen an einem Tisch und schaffen zusammen in einem interdisziplinären Team ein einzigartiges Produkterlebnis. Dementsprechend ist es für einen UX-Writer auch wichtig, dass er teamfähig ist und sich die Bedürfnisse seiner Kollegen annehmen kann.

 

5. Sich als Anwalt für die User betrachten

Ähnlich wie ein UX-Designer sollte auch ein UX-Writer stets als Anwalt für den Nutzer fungieren. Das heißt im Ernstfall auch mal auf Konfrontation zu gehen, wenn man Lücken in der Microcopy & Co. sieht. Wer diese Konfrontation scheut und keine Lust auf Diskussionen hat, der ist unter Umständen für den Job als UX-Writer oder UX-Designer ungeeignet.

 

UX-Writing und Design bilden ein Team

Was sollte zuerst erstellt werden, das Design oder der Text? Ähnlich wie Miriam Löffler in ihrem Buch "Think Content!" bin ich ebenfalls ein Vertreter der These: "Content first, Design second". Und wenn nicht das, dann wenigstens beides gleichzeitig. Es ist einfach schwierig in ein fertiges Design passgenaue Texte zu pressen, die obendrein noch glänzen und alles Wichtige vermitteln. Ich denke, man sollte (UX-)Texter so früh wie möglich in den Designprozess mit einbeziehen, sodass am Ende ein stimmiges und rundes Produkt rauskommt. In einem Artikel bei meiner Recherche habe ich sogar die Aussage gefunden "Text ist Design". Mit dieser Einstellung ist denke ich alles gesagt :-)

 

UX-Writing-Workshop

Um in das Thema UX-Writing noch tiefer einzutauchen, habe ich, zusätzlich zur allgemeinen Recherche im Internet, an einem UX-Writing-Workshop teilgenommen. Diesen habe ich über Instagram und Xing gefunden und es war bezüglich des Berufsbildes UX-Writer sehr aufschlussreich. Im Workshop wurde das Buch "UX Writing & Microcopy" von als Grundlage verwendet. Es gab als Einstieg sogar eine kleine Videobotschaft von der Autorin selbst :-)

 

Nach dem 3-stündigen Workshop kann ich die Tatsache, dass man sich als UX-Writer beständig im Dialog mit dem User befindet nur bestätigen. Auch die Tatsache, dass man sich in den Nutzer reinfühlen und diesen begeistern soll, kann ich so unterschreiben. In dem Workshop ging es zwar hauptsächlich um das Thema "Microcopy", aber gerade dabei wird einem die Schwierigkeit des UX-Writings vollends bewusst. Mit nur wenigen Worten dem User ein gutes Gefühl zu vermitteln und gleichzeitig im Gedächtnis zu bleiben ist schon eine Kunst für sich. Umso trauriger, dass wahrscheinlich in der Praxis auf das Schreiben von Microcopy weniger der Fokus liegt. Diesen Umstand wollen die Mädels der Xing-Gruppe "UX Writing, auf Deutsch!" ändern und für den deutschsprachigen Raum eine UX-Writing-Community aufbauen. Falls du dich auch für UX-Writing interessierst, dann schau doch mal bei der Xing-Gruppe vorbei oder folge den Mädels auf Instagram, Twitter & Co.

 

Meine Learnings

Am Anfang stand für mich die Frage im Raum, inwiefern UX-Writing anders ist als das, was ich bisher als Texterin gemacht habe? Nach diesem Artikel bin ich zu der Schlussfolgerung gekommen, dass vor allem die Motivation und Einstellung eine andere ist. Als UX-Writer hat man stets das Wohl des Nutzers im Blick und weniger die Präsentation des Produktes. Man will dem User helfen, diesem ein gutes Gefühl vermitteln und dafür notfalls auch kämpfen.

 

Ich muss gestehen, dass ich meine Webtexte schon immer unterbewusst mit der Intention geschrieben habe, dass sie dem Leser auch was bringen. Allerdings habe ich mich nicht immer dafür stark gemacht, wenn es hieß, dass diese zu einfach geschrieben oder zu kurz geraten sind. Dann wurde halt alles noch mal umgeschrieben, in die Länge gezogen oder aufgebauscht. Heute weiß ich, dass das (zumindest aus UX-Sicht) unnötig ist. Ich finde den Gedanken, stets einen Dialog mit dem User zu führen, irgendwie schön und auch beruhigend. Denn das bedeutet doch, dass unsere Worte jemanden erreichen und berühren und nicht einfach nur von einem Googlebot ausgelesen werden. Treffend hat es auch Kinneret Yifrah in ihrer kleinen Videobotschaft formuliert:
  "Give user a better experience with words" 

 

Fazit

UX-Writing ist nicht gleich Webtexten - das und viele weitere Learnings konnte ich aus diesem Artikel mitnehmen. Zum Beispiel gilt es, beim UX-Texten vor allem das Wohl des Nutzers und den Dialog mit diesem im Blick zu behalten. Zusammen mit einer Prise Empathie und einem interdisziplinären Team ist man wieder ein Stück näher dran an der optimalen User-Experience, die unser Produkt einzigartig macht und bei den Nutzern für ein gutes Gefühl sorgt

 

Danke, dass du es bis hierhin geschafft und dir die Zeit für meinen Artikel genommen hast :-) Ich hoffe, er hat dir gefallen. Falls ja, würde ich mich freuen, wenn du ihn mit deinen Freunden auf Social-Media teilst.