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Brutalismus

Bewusst hässlich, aber wirkungsvoll?

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Brutalismus im Webdesign

Brutalismus ist eine der vielen Webdesign-Trends der letzten Jahre und hat mich im Rahmen meines Minimalismus-Artikels auf den ersten Blick neugierig gemacht. Sofort sind mir Fragen in den Kopf geschossen wie: "Finden User diesen vermeintlich rohen Designstil wirklich gut?" oder "Ist das Kunst oder kann das weg?". Da mich das Thema auch nach Monaten nicht wirklich losgelassen hat, habe ich mich dazu entschlossen, einen Blogartikel zu verfassen. In diesem will ich herausfinden, ob Brutalismus wirklich gut für die User-Experience ist und ob hinter dem harten Äußeren mehr steckt als ein bloßer Schrei nach Aufmerksamkeit.

 

Was ist Brutalismus?

Brutalismus ist ein Designtrend, welcher ursprünglich aus der Architektur der 1950er Jahre stammt und sich von dem französischen Begriff "béton brut" (roher Beton) ableitet. Wie der Name bereits erahnen lässt, ist Brutalismus im Web roh, hart und im wahrsten Sinnes des Wortes brutal. Ehrlich, schnörkellos, eckig, kantig, selbstbewusst oder auch bewusst hässlich - das sind nur einige der Attribute, die es im Internet über den Designtrend zu finden gibt. Auf dem ersten Blick fehlt für viele Betrachter jegliche visuelle Gestaltung und sofort fühlt man sich in die Zeit der ersten Websites zurückversetzt. Brutalistische Websites erwecken vor allem den Eindruck, dass kein Designer mitgemischt hat und einfach ein bisschen HTML-Code zusammengeschustert wurde. Dabei ist mitunter das Gegenteil der Fall.

 

Die Intention von einem brutalistischem Design


Als Designstil wird der Brutalismus oft bewusst ausgewählt, um dem immer gleichen Einheitsbrei im Netz entgegenzuwirken und sich provokativ von der Masse abzuheben. "Web-Brutalismus ist eine Haltung ...." und "... eine Antwort auf die vielen mehr als perfekten Websites, die heute online sind". Das sagt Pascal Deville, der Betreiber der Seite: brutalistwebsites.com. Auf dieser Seite kannst du eine große Ansammlung brutalistischer Websites bewundern und dir einen umfangreichen ersten Eindruck von dem gewagten Designstil machen.

 

Screenshot, Quelle: https://brutalistwebsites.com
Screenshot, Quelle: https://brutalistwebsites.com

Bei einer brutalistischen Website kam auch bei mir sofort die Frage auf, was das Ganze überhaupt soll? Heutzutage hat man doch zahlreiche Möglichkeiten, um seine Seite ansprechend und ästhetisch zu gestalten. Warum dann der Weg eines so extrem minimalistischen und scheinbar unfertigen Webdesigns? Wegen der mangelnden Designkenntnisse? Wohl eher nicht: Hinter brutalistischen Websites stecken oft erfahrene Designer oder Entwickler, so Pascal Deville. Sie setzten im Web ein Zeichen gegen die Perfektion, wollen mehr Ehrlichkeit und aufzeigen, dass man auch mit wenig viel bewirken kann. Brutalistische Websiten wollen gerade nicht perfekt aussehen und sich damit brutal von der Konkurrenz abheben.

 

Neben der optischen Rebellion, wollen brutalistische Websites außerdem den Content sowie die Funktionen ohne Umwege, dominant sowie direkt in den Fokus rücken. Keine Ablenkung vom Wesentlichen durch zu viel Schnörkelei und keine Zeit verschwenden, lautet die Devise, was sich unter anderem auch in einer geringen Ladezeit wiederspiegelt.

 

Welche Elemente machen den Design-Trend Brutalismus aus?

Die Intention hinter einer brutalistischen Website ist nun klar: sich brutal und ehrlich von der Konkurrenz abheben. Doch welche Elemente genau zeichnen einen brutalistischen Designstil im Web aus? Ab wann kann eine Website sich als brutalistisch bezeichnen? Bei meinen Recherchen bin ich auf eine Liste gestoßen, die konkrete Designelemente für einen brutalistischen Designstil aufführt. Vergleicht man diese mit den Websites auf brutalistwebsites.com, kann man feststellen, dass viele Punkte durchaus zutreffen.

Häufige Elemente einer brutalistischen Website sind:

  • überfülltes Design
  • Mangel an Symmetrie
  • keine eindeutige Hierarchie
  • überlappende Elemente
  • einfache oder nicht vorhandene Navigation
  • starke Farbkontraste

 

  • Spärliche Bilder
  • fehlende Animation
  • eine Schriftart wird durchgehend verwendet
  • Monospaced Typografie
  • vermehrt schwarzer oder weißer Hintergrund

Brutalismus gleich Antidesign?

Ein brutalistisches Webdesign wird häufig mit dem Aspekt des Antidesigns in einen Topf geworfen. Den Machern wird zum Teil unterstellt, sie wöllten rebellieren, indem sie ein bewusst hässliches und unübersichtliches Konzept wählen. Wie bei vielen Dingen im Leben muss man auch dieses Thema differenziert betrachten. Sicherlich gibt es Designer, die auffallen beziehungsweise aufbegehren wollen und den Designstil Brutalismus als eine Art Antidesign umsetzen. Auch als witzige Aktion oder zur Unterhaltung wird der Brutalismus von manchen Künstlern angewendet. Die brutalistischen Websites, die als Antidesign fungieren, sind in der Regel chaotisch, verwirrend, auffällig und schlichtweg hässlich.

 

Brutalismus geht jedoch auch anders. Es gibt auch brutalistische Internetseiten, die übersichtlich und schnell erfassbar sind. Ähnlich wie minimalistische Websites beschränken sie sich sehr auf das Wesentliche, nur eben mit einem lauten Knall und extrem dominant. Allerdings muss ich gestehen, dass ich bei meiner Recherche wenige davon gesehen habe ^^ Im Netz überwiegen scheinbar doch die auffällig hässlichen Brutalismussseiten, weshalb sich das obige Klischee wohl nicht ohne Grund herausgebildet hat. Dennoch kann man den Brutalismus nicht zwangsläufig mit Antidesign gleichsetzen.

 

Wann empfielt es sich brutalistisch zu gestalten?

Ein brutalistisches Webdesign kann sich durchaus lohnen, allerdings sollte man im Voraus sein Publikum kennen. Würde deine Zielgruppe wirklich auf diesen dominanten und schrillen Designstil anspringen? Darüber hinaus sollte man sich der Risiken eines brutalistischen Designstils bewusst sein. Wenn zu viel Chaos vorherrscht, ist das Risiko sehr groß, dass deine Nutzer deine Seite wieder verlassen. Auch die Missachtung sämtlicher ästhetischer Grundregeln kann eine negative User-Experience zur Folge haben. Wenn du dieses Thema weiter vertiefen willst, dann empfehle ich dir meinen Artikel zum Thema Ästhetik im UX-Design.

 

Doch wann lohnt sich denn nun die Websitegestaltung im Brutalismus-Look? Kate Moran von der NNGroup hat dazu eine klare Meinung: Brutalismus kann angewendet werden, wenn du die visuelle Hierarchie, die Navigation oder das Interaction Design nicht zugunsten eines Antidesigns vernachlässigt. Das ist mehr oder weniger "Brutalismus in entschärfter Form" wie es in einem Brutalismus-Artikel des Digitalmagazins t3n steht.

 

Ist der Design-Trend Brutalismus gut für die User-Experience?

Ein brutalistischer Designstil ist offensichtlich nicht zufällig brutal, doch ist er auch gut für die User-Experience? Wie so oft im Bereich UX muss man auch hier wahrscheinlich mit dem guten, alten 'Es kommt drauf an.' als Antwort vorliebnehmen. Es kommt vor allem auf das Publikum an und natürlich, ob man (wie oben bereits angeteasert), nicht die visuelle Hierarchie, Navigation oder das Interaction Design vernachlässigt. Was bringt es schließlich, wenn man brutal auffällt, aber die User sich auf der Seite nicht zurechtfinden. Dann bleibt die Webseite letzten Endes nur als Rebellion oder als ein Schrei nach Aufmerksamkeit im Gedächtnis. Wenn es allerdings das ist, was man erreichen wollte, dann steht einer brutalistischen Seite nichts mehr im Weg ;-)

 

Grundpfeiler im UX-Design

Ansonsten denke ich persönlich, dass Brutalismus als Webdesigntrend eher selten gut für die User-Experience ist. Im Wesentlichen besteht eine gute User-Experience aus den vier Grundpfeilern Utility (Nutzwert), Accessibility (Barrierefreiheit), Usability (Benutzerfreundlichkeit) und Desireability (Ästhetik). Soweit ich das sehe, verletzten viele brutalistische Webseiten mindestens zwei von den vier Punkten. Kann es sich dann noch um eine gute UX handeln?

 

Auch Kate Moran von der NNGroup schreibt in ihrem Artikel, dass der Brutalismus in der UX-Community kritisch gesehen wird, da er mehr oder weniger eine Art Antithesis zum UX-Design darstellt. Solange man seine Seite nicht als Scherz oder Provokation gedacht hat, sollte man sich lieber gegen den Brutalismus und für eine klare Nutzerführung sowie ein ästhetisches Grundkonstrukt entscheiden. Zu groß wäre das Risiko, dass die User irritiert oder schokiert sind und mit einem negativen Gefühl deine Seite verlassen.

 

Meine Learnings

"Manche lieben es, manche hassen es und viele andere verstehen es einfach nicht: brutalistische Websites." Diesen Satz habe ich in einem Beitrag zum Thema Brutalismus gefunden. Ich muss sagen, dass er ziemlich genau meine Überlegungen vor diesem Artikel beschreibt. Leider hat sich an dieser Ansicht auch im Nachhinein wenig geändert. Ich persönlich verstehe brutalistische Websites nur zum Teil und kann dem Designtrend (bisher zumindest) wenig abgewinnen. Mir ist klar, dass nicht jede brutalistische Seite zufällig so aussieht. Mitunter steckt eine Strategie dahinter oder ein bewusster Aufruf zur Rebellion. Allerdings wäre es mir das nicht wert, für diese Art von Rebellion oder Aufmerksamkeit meine UX zu verschlechtern. Darüber hinaus denke ich, dass die Zielgruppe für diese Art von Webdesign sehr klein ist.

 

Dennoch war das Thema für mich zumindest so interessant, um eine Artikel darüber zu verfassen. Dementsprechend kann man sagen, dass die Designer, die mit brutalistischen Websites rebellieren, ihre Mission erfüllt haben. Sie haben es geschafft, dass wir über sie reden.

 

Fazit

Brutalismus ist ein Webdesign-Trend, der die Gemüter spaltet. Verstehen tut man ihn nicht immer, lieben tun ihn auch nicht alle und die User-Experience fällt ihm mitunter zum Opfer. Wozu dann das Ganze? Als Rebellion, ein Witz oder ein dominanter Versuch die Aufmerksamkeit des Users zu gewinnen? Letztend Endes wahrscheinlich ein bisschen von allem. Das kann man gut finden oder eben nicht. Ich persönlich bin mir unschlüssig, zu welcher Kategorie ich gehöre.

 

Danke, dass du dir Zeit für meinen Artikel genommen und ihn unter Umständen sogar komplett gelesen hast :-) Hat er dir gefallen? Falls ja, würde ich mich freuen, wenn du ihn mit deinen Freunden auf Social-Media teilst.